Russland ist ein Land der Gegensätze. Zwischen der kühlen Zurückhaltung im öffentlichen Raum und der überschwänglichen Herzlichkeit im Privaten liegen Welten. Wer einmal in einen russischen Haushalt eingeladen wurde, erlebt eine Gastfreundschaft, die keine Grenzen kennt.
Die russische Kultur wurde von orthodoxem Christentum, Zarenreich und Sowjetära geprägt. Viele Traditionen überdauerten alle politischen Umbrüche. Andere verschwanden und kehren heute zurück.
Gastfreundschaft: Mehr als Höflichkeit
Russische Gastfreundschaft ist ernst gemeint. Wer eingeladen wird, sollte die Einladung annehmen - eine Ablehnung gilt als unhöflich. Der Gast bringt Blumen für die Hausfrau mit (immer eine ungerade Zahl, gerade Zahlen sind für Beerdigungen) oder eine Flasche guten Wodka.
Am Tisch wird reichlich aufgefahren. Ein leerer Teller signalisiert, dass der Gast noch Hunger hat - der Gastgeber legt nach. Wer satt ist, lässt einen kleinen Rest übrig. Die russische Küche zeigt sich von ihrer besten Seite: Borschtsch, Pelmeni, eingelegtes Gemüse, Piroggen.
Trinksitten
Wodka wird nicht genippt, sondern in einem Zug getrunken. Vor jedem Glas wird ein Toast ausgesprochen. Der erste Toast gilt dem Gastgeber oder dem Anlass, der dritte traditionell den Frauen. Zwischen den Gläsern isst man Zakuski - kleine Häppchen wie Salzgurken, Hering oder Schwarzbrot mit Schmalz.
Die wichtigsten Feiertage
Neujahr (31. Dezember - 1. Januar)
Der wichtigste Feiertag Russlands. Da Weihnachten in der Sowjetzeit verboten war, übernahm Neujahr dessen Traditionen: den Tannenbaum (Jolka), die Geschenke, das Festessen. Väterchen Frost (Ded Moros) bringt mit seiner Enkelin Snegurotschka die Geschenke. Um Mitternacht hält der Präsident eine Ansprache, dann schlagen die Kremlglocken.
Orthodoxes Weihnachten (7. Januar)
Die russisch-orthodoxe Kirche folgt dem julianischen Kalender. Weihnachten fällt daher auf den 7. Januar. Für gläubige Russen ist es ein stilles Fest - nach 40 Tagen Fasten beginnt der Heilige Abend mit dem ersten Stern am Himmel.
Tag des Verteidigers des Vaterlandes (23. Februar)
Ursprünglich der Tag der Roten Armee, heute ein inoffizieller Männertag. Frauen gratulieren Männern - nicht nur Soldaten, sondern allen. Das Pendant ist der Internationale Frauentag am 8. März.
Masleniza (Butterwoche)
Die Woche vor der orthodoxen Fastenzeit. Überall werden Bliny gebacken - dünne Pfannkuchen, die die Sonne symbolisieren. Am letzten Tag wird eine Strohpuppe verbrannt: der Winter wird verabschiedet.
Tag des Sieges (9. Mai)
Der wichtigste patriotische Feiertag erinnert an den Sieg über Nazi-Deutschland 1945. Veteranen werden geehrt, Militärparaden finden statt. In den letzten Jahren hat sich die Aktion "Unsterbliches Regiment" verbreitet: Menschen tragen Fotos gefallener Angehöriger durch die Straßen.
Aberglaube und Traditionen
Russland ist abergläubischer als Westeuropa. Viele Regeln gelten als selbstverständlich:
- Über die Türschwelle: Niemals jemandem über die Schwelle die Hand geben oder etwas reichen - das bringt Streit.
- Pfeifen im Haus: Wer drinnen pfeift, pfeift das Geld aus dem Haus.
- Vor einer Reise: Vor dem Aufbruch setzen sich alle kurz hin und schweigen - für eine gute Reise.
- Zerbrochener Spiegel: Sieben Jahre Unglück, genau wie im Westen.
- Schwarze Katze: Kreuzt sie den Weg, wartet man kurz oder nimmt einen anderen Weg.
Im Alltag
Russen zeigen Gefühle anders als Westeuropäer. In der Öffentlichkeit wirken sie oft ernst oder verschlossen. Das ist keine Unhöflichkeit - grundloses Lächeln gilt als naiv oder verdächtig. Im privaten Kreis ändert sich das schnell.
Namen sind wichtig. Die förmliche Anrede verwendet Vorname und Vatersname: Iwan Petrowitsch, Anna Sergejewna. Erst nach ausdrücklicher Aufforderung geht man zum Du über.
Gut zu wissen
| Blumen | Immer ungerade Zahl |
| Geschenke | Nicht vor dem Geber öffnen |
| Schuhe | Im Haus werden Hausschuhe angeboten |
| Pünktlichkeit | Zu Einladungen etwas später kommen |
| Alkohol | Ablehnen gilt als unhöflich |
| Trinksprüche | Vor jedem Glas obligatorisch |


