Bijsk – ein Hort kostbarer Geheimnisse
Bijsk, Altai Region |
Der berühmte russische Maler und Philosoph N. Roerich verglich den uralten Altai mit einerriesigen Kessel, in dessen Bergwänden Dutzende verschiedener Zivilisationen und Völker nach und nach auftauchten und wieder verschwanden. Hier am Schnittpunkt der ältesten Wander- und Handelsrouten bildeten sich gewaltige Stammesbunde, Königreiche und Imperien, die über das historische Schicksal ganz Eurasiens bestimmten.
Im Steppen- und Berg-Altai gibt es Dutzende Orte, die von den ethnischen Gemeinschaften, die früher in diesen Gebieten lebten, als heilige Stätten verehrt wurden, allzumal an diesen Orten ein geheimnisvoller Sinn für die Unzertrennbarkeit der Vergangenheit und Gegenwart verborgen liegt. Eine dieser sagenumwobenen Stätten befindet sich einen 20-minütigen Fußweg entfernt vom Häuserblock AB im Wohngebiet der Stadt Bijsk.
Auf einem Pfad, der sich zwischen den Kiefern des Waldparkgebiets durchschlängelt, gelangt man zum Steilufer des Flusses Bija, genau gegenüber der Stelle, wo der Bija und der Fluss Katun zusammenfließen. In der Umgebung gibt es Relikte von Waldzungen in Form von unglaublich schönen Flussterrassendünen, die mit Kiefern bewachsen sind. Am Südufer des Flusses werden die saftig grünen Weiten des Vorgebirgs-Altai gekrönt von nicht zackigen, sondern eher wellenförmigen Spitzen der Altaier Berge.
Dieser Ort bildet die Grenze zwischen zwei alten landschafts-klimatischen Zonen und ist gleitzeitig Treffpunkt von zwei verschiedenen Welten alter Zivilisationen, der Ort heißt „Wiehorewka".
Im Russischen Staatsarchiv gibt es alte Urkunden und Schreiben von Heerführern und Dienstbeamten aus der Tomsker und Kusnezker Festung, in denen stets hervorgehoben wird, dass es für ein weiteres Vordringen in den Süden Sibiriens dringend notwendig ist, die Befestigungsanlagen „beim Zusammenfluss des Bija und des Katun" um ein vielfaches verstärken. Mindestens achtmal traf die sibirische Kriegsadministration im 17. Jahrhundert Vorkehrungen, um diesen Plan in die Wirklichkeit umzusetzen. Doch aus welchem Grund wurde dieser Region eine solch unablässige Aufmerksamkeit geschenkt?
Auf hoheitlichem Befehl
In alten russischen Dokumenten und Karten wurde das Gebiet rund um den oberen Teil des Flusses Ob nach dem größten Altaier Stammesfürstentum, dem Reich der Teleuten, benannt und hieß „Teleuten-Land". Erste Versuche, in dieses Reich einzudringen, wurden von einem Kriegstrupp im Jahre 1625 unternommen.
Um in diesen Gebieten einem feindlichen Angriff Widerstand leisten zu können, musste an einem strategisch wichtigen Ort ein russischer Stützpunkt errichtet werden. Und dieser Stützpunkt befand sich genau am Zusammenfluss des Bija und des Katun. Es begann eine Reihe von Feldzügen der Kriegstruppen aus Tomsk und Kusnezk, die in den 30-er bis 60-er Jahren des 17. Jahrhunderts die Mündung des Ob erreichen wollten. Diese Expeditionen waren zahlreich, aber erfolglos. Die an den Angriffen im Gebiet des Unteren Bija teilnehmenden Kosaken erzählten ihren Landsleuten nach der Rückkehr in die Heimat von einem fernen Land voll fruchtbarer Felder, dichten Wäldern und fischreichen Seen und Flüssen.
Nach und nach wurden die in den Erzählungen Reisender beschriebenen märchenhaften Gegenden an den Quellen des Ob auf russischen und europäischen Karten festgehalten. Jedoch wurde das Gebiet um den oberen Teil des Ob erst zu Zeiten Peters des Großen eingenommen, und auf Befehl des Zaren wurden an den Quellen des Ob zuerst kleine Festungen und später die Bisker Festung gebaut, auf deren Fundament die Stadt Bisk gegründet wurde.
1000-jährige Wege
Bijsk, Altai Region |
Womit kann man also das stetige Interesse für diese Gegend erklären? Der Grund dafür liegt wohl kaum nur am weiten, fruchtbaren Land, an den zahlreichen Pelztieren und Vögeln, die in den Wäldern und Flüssen leben oder am Fischreichtum, obwohl das alles doch von Bedeutung war. Des Rätsels Lösung liegt bei Geheimnissen, die in den Tiefen der Vergangenheit, in der Welt archäologischer Entdeckungen zu finden sind.
Allmählich stellte sich heraus, dass das Gebiet, in dem sich die heutige Stadt Bijsk befindet, aufgrund seiner geographischen Lage eine außergewöhnlich hohe kriegsstrategische Bedeutung hatte. Die Rolle des Altai, als eines der Zentren der ersten menschlichen Zivilisation auf dem ganzen eurasischen Kontinent, kann nicht genug hervorgehoben werden. Tausende von Jahren reisten Hunderte Volksstämme während der Großen Völkerwanderung auf Wegen über die Berge und durch die Steppen des Altai.
Die „Neuankömmlinge" unterwarfen und vertrieben die einheimischen Volksstämme und gründeten Imperien, die im Laufe der Geschichte wiederum durch die Eroberungen anderer Völker verschwanden. Auf den Hügeln und in den Tälern blieben jedoch majestätische Grabhügel, finster gegen den Sonnenaufgang blickende Steinstatuen und Siedlungen mit gewaltigen Gräben.
Über die Altaier Berge führten die wichtigsten Karawanenwege, die Nord- und Zentralasien mit einander verbanden. Auf diesen Routen wurden Waren aus China, der Mongolei, Mittelasien und aus noch entfernteren Ländern befördert. Mehrere Tausende Jahre sollen diese Handelswege alt sein. Zumindest berichtete schon Herodot der „Vater der Historien" unter Berufung auf Erzählungen griechischer Kaufleute von Kriegerstämmen des Altai-Gebirges und von deren Kämpfen mit mythischen Drachen-Greifen, die eine überreiche Goldlagerstätte bewachen. Im Alten China waren die Handelsrouten durch den Altai bereits zu Zeiten des legendären ersten Kaisers Qin Shihuangdi bekannt.
Im Bijsker Heimatmuseum befindet sich eine Vielzahl höchstinteressanter Ausgrabungsstücke, die das Ausmaß und die weiträumigen Handelsverbindungen der Völker des Gebiets um den Oberen Ob mit verschiedensten Reichen in ganz Eurasien zu verschiedensten Epochen belegen. Im Gebiet, wo der Bija und der Katun zusammenfließen, wird das Flussbett am Anfang des Ob von einer der ältesten und am meisten befahrenen Straßen Zentralasiens durchquert und nur an dieser Stelle befand sich im Umkreis von zehn Werst ein Übergang mit einer Fähre. Zu dieser Übergangsstelle führte auch eine Handelsroute, deren Anfang sich irgendwo in den nördlichen Gebieten Sibiriens befindet.
Hinter der Übergangsstelle teilte sich diese Strasse dann in zwei Wege, die jeweils an die südlichen und zentralen Grenzen Asiens weiterführten.
Die erste Route zog sich durch das Altaier Vorgebirge und endete in den nordwestlichen Provinzen des chinesischen Großreiches und verschmolz dort mit den Karawanenwegen der Großen Seidenstraße. Die zweite Straße führte Richtung Süden am linken Ufer des Katun entlang und drang bis in das Herz des Berg-Altai vor. Nachdem man tiefe Schluchten, Gebirgspässe, reißende Flüsse und gefährliche Geröllabhänge hinter sich ließ, erreichte man die unendlich weiten mongolischen Steppen und schließlich die Grenzen des Großreiches China.
Die Reise auf dieser Handelsroute war sehr gefährlich, jedoch war es die kürzeste Verbindung, die in altchinesischen Chroniken bereits vor dreitausend Jahren erwähnt wurde. Für einige Jahre wurde Friedenszeiten durch blutige Kriege unterbrochen und auf den Handelswegen jagten skythische Heeresführer, schwerbewaffnete Reiter türkischer Gebieter und rasend schnelle Reiter mongolischer Khane in die Tiefen Sibiriens.
Von militärischer Bedeutung waren diese Straße auch im 17. Jahrhundert. Dank dieser Wege konnten Reitertruppen teleutischer Fürsten und dsungarischer Khane ganz unerwartet die Kusnesker Festungen einnehmen und nach einer verheerenden Verwüstung unbestraft genau so schnell wieder in Richtung Süden aufbrechen. Um solchen Überraschungsangriffen entgegen wirken zu können, versperrten die Russen den Weg Richtung Norden und das genau ran der bereits bekannten Schlüsselstelle- an der Übergangsstelle am Zusammenfluss ,des Bija und des Katun.
Die heilige Mündung des Bija
Wisentstandeigentlich der Name ,,Wichorewka"? Kurz gesagt: Es ist ein russisches Toponym, das Resultat einer phonetischen Adaption eines viel älteren Namens, der wahrscheinlich zwischen dem achten und siebenten Jahrhundert vor Christi Geburt entstanden ist, als im Altai europide Völker über die Samojeden herrschten.
Der Name „Wichorewka" bezieht sich auf die Mündung des Bija und lautete anfänglich ungefähr „Bi-chara", was soviel bedeutet wie „Ort (Land) an der Mündung des Flusses". Über die Jahrhunderte wurde die topographische Bedeutung in verstärktem Maße durch die Sprache der alten Turkstämme geprägt. Mit dem Wort „Char" bezeichneten diese ein hohes Steilufer und infolgedessen klang das neue Toponym durch den Einfluss alttürkischer Sprachen möglicherweise wie „Bi-chara-us", was soviel bedeutet wie „hohes Steilufer an der Mündung des Flusses“ Bezieht man noch das in vielen Altaier Dialekten verwendete mongolische Wort „chaira“ mit ein, welches „heilig“ bedeutet, ergibt sich ein anderer Wortsinn, nämlich „Bi-chaira“ („die Mündung des Flusses“ oder „heiliger Ort an der Mündung des Flusses“)
Heimatmuseum, Bijsk |
Geht man jedoch noch weiter auf Spurensuche archaischer Sprachen, so findet man im Sanskrit das Wort „Wichara", was „Ort der Verehrung von Gottheiten" bedeutet.
Möglich sind auch andere Varianten der Dechiffrierung, doch bleibt die allgemeine Bedeutung die gleiche: Es handelt sich um eine sakrale Stätte, die von der dort lebenden Bevölkerung auf solche Weise benannt wurde. In Wichorewka fließen die berühmtesten Flüsse des Altai zusammen: der Bija (das altaische „Bi" bedeutet „Herr") und der Katun (abgeleitet vom altaischen „cha-tyn", zu Deutsch „Herrin"). Zusammen bilden diese Flüsse den majestätischen Ob, einen der größten Flüsse des eurasischen Kontinents.
Zwischen den Ufern des Bija und des Katun vereinigten sich zwei der wichtigsten alten Handelsstraßen, die Sibirien und Zentralasien miteinander verbanden. Schon aus diesem Grund ist die Stelle, wo beide Flüsse zusammenfließen, eine heilige Kultstätte, die für die umliegenden Siedlungen von immenser Bedeutung war. Der Historiker, Heimatforscher und Kenner des Altai, Boris Chatmijewitsch Kadikow, war einer der ersten Vertreter dieser Hypothese. Einer weiteren Hypothese zufolge, wurde die heilige russische Siedlung im Landkreis zum Symbol des Sieges des Christentums über die Naturgottheiten und Erdgeister, die ihre Macht über die umliegenden Gebiete den Siegern überließen.
Diese Theorie wird von einer sehr interessanten kartographischen Quelle belegt: einer Karte von Sibirien, die im Jahre 1730 von dem schwedischen Offizier Philip Johan von Strahlenberg veröffentlicht wurde. Auf dieser Karte gibt es ein besonderes Detail: Neben einem Pfeil, der auf den Zusammenfluss des Bija und des Katun weist, beschrieb Strahlenberg die Lage eines legendären Heiligtums der dort wohnenden heidnischen Bevölkerung, das von den Russen „Goldenes Weib" genannt wurde und auf Latein „Monumentum Diva Slatum" heißt.
Bis heute existieren am Unteren und Mittleren Ob Volksüberlieferungen wie die der Mansen, Chanten und Nenzen, in denen diese heilige Stätte „Sorni-Ekwa" genannt wird. Berichte von dem sakralen Idol alter ugro-samojedischer Völker des Transuralgebietes gelangen bereits im 16. Jahrhundert über die Weiten Russlands bis nach Europa.
Europäische Reisende und Kartographen belegten, dass die Völker Sibiriens diese Gottheit sehr verehrten und dass niemand an die Kultstätte herantreten durfte, wenn dieser keine reichen Opfergaben bereit hielt. Der österreichische Botschafter im Moskau des 16. Jahrhunderts, Sigismund von Herberstein, beschrieb diesen heiligen Ort in seinen Berichten gemäß alter russischer Annalen: „Dieses Idol ist eine goldene Staiue, die eine alte Frau darstellt, die auf ihren Armen einen Sohn hält..."
Ende des 17. Jahrhunderts sammelte der sibirische Kartograph Semjon Remesow Legenden von Kriegern des russischen Kosaken-Atamans Jermak über das „Goldene Weib", in denen von den Versuchen der Russen erzählt wird,„den goldenen Gott, der auf einem Kelch sitzt" zu stehlen. In diesen Sagen schickt Jermak insgeheim einen Reitertrupp an die Kultstätte am Ob, jedoch gelingt es, das Heiligtum an einem verborgenen Ort zu verstecken.
Was aber, wenn dieser geheimnisvolle Ort der Verehrung dieser „Wasser- und Flussgöttin" der Ort Wichorewka ist, also ein heiliger Ort an der Mündung des Bija?
Auch die letzten Details dieses rätselhaften Porträts von Wichorewka verbergen keine Geheimnisse der Vergangenheit, zudem verweisen sie noch in die Zukunft.
Im Jahre 1909 bereiste eine der zu dieser Zeit berühmtesten Persönlichkeiten der Russisch-Orthodoxen Kirche den Altai, der Oberpriester Joann Wostorgow. In seinen Reisenotizen hielt er unter anderem folgendes fest:„Über eine Vielzahl mystischer und sagenumwobener Orte an der Quelle des Ob berichten Volksüberlieferungen, die bis heute in den Dörfern des Bisker Landkreises erzählt werden. Ich persönlich hörte mit Sicherheit von der Legende des ewigen Kampfes zwischen Gut und Böse, der am Ende der Welt, zwischen dem Bija und dem Katun stattfindet" Als im Jahre 1926 N. Roerich durch Bijsk reiste, widmete er in seinen Reisetagebüchern „Altai-Himalaja" ein paar Zeilen den altorthodoxen Sagen und versicherte, dass der letzte Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen einem weißen und einem roten Pferd, genau an der Stelle stattfinden wird, wo der Bija und der Katun sich miteinander vereinigen.

Bestpreisgarantie

