Altai - Die Denissow-Höhlen
Mit diesen Worten begann am 23. November 2007 die bekannte Fernsehsendung „Guten Morgen, Russland!". Millionen von Zuschauern sahen die grünen Ufer des Altaier Flusses Anuj, wo sich an einem Berghang ein einzigartiges archäologisches Denkmal befindet: die Denissow-Höhlen. Möglicherweise waren einige archäologische Fachbegriffe, die in dieser Sendung fielen, für die Zuschauer schwer verständlich, eine Botschaft zeigt sich hier aber glasklar: „Russland, sieh her und sei stolz auf diesen Schatz! Er ist auf der ganzen Welt einmalig!"
Die manchmal zur Übertreibung neigenden Massenmedien sind in diesem Fall der Wahrheit treu geblieben. Tatsächlich findet man weltweit keinen vergleichbaren Ort, an dem man alle Epochen der Menschheitsentwicklung von der Urzeit bis zur Gegenwart nachvollziehen kann. Die Denissow-Höhlen wurden von Menschen bereits vor ungefähr 3 Tausend Jahren als Behausungen genutzt; im Jahre 1982 unternahmen Forscher des Instituts für Archäologie und Ethnographie in Nowosibirsk dort erstmals fundierte wissenschaftliche Untersuchungen. Bei den Ausgrabungen wurden mehr als 20 verschiedene Kulturschichten entdeckt, angefangen von der mehr als 13 m dicken Steinzeitschicht, in der Tausende Kunstgegenstände entdeckt worden sind. Wichtig ist hierbei aber nicht die Stückzahl, sondern die Bedeutung dieser Artefakte: die in der Denissow-Höhle entdeckten Ausgrabungsschätze brachten die bisherige Evolutionstheorie mächtig ins Schwanken.
Ende des 20. Jahrhunderts bestand die allgemeine wissenschaftliche Auffassung noch darin, dass die Menschheitsgeschichte vor ungefähr 2,5 Millionen Jahre in Afrika ihren Anfang nahm, was durch mehrere Untersuchungen bestätigt wurde. Damals war Sibirien in den Augen der Evolutionsforscher nicht mehr als eine unbedeutende Provinz, in der die ersten Menschen vor 30 000 oder maximal 50 000 Jahren auftauchten. Dann aber kam die archäologische Sensation: Die Denissow-Höhlen und die darin gefundenen Ausgrabungsstücke sind bei weitem älter als alle anderen vergleichbaren Ausgrabungsstätten.
Denissow-Höhlen in Altai Region |
Bis vor kurzem waren Anthropologen und Archäologen noch fest davon überzeugt, dass der direkte Vorfahre des Homo sapiens, der Cro-Magnon-Mensch, auf dem Eurasischen Kontinent nicht früher als 40-35 000 Jahre vor Christi Geburt lebte. In den Denissow-Höhlen hat man hingegen Menschenknochen gefunden, die 10-15 000 Jahre älter und damit die ältesten menschlichen Überreste in ganz Nordasien sind! Zudem wurden weltweit Wissenschaftler, die sich bereits mit der irrealen Zahl 300 000 abgefunden hatten, erneut in Erstaunen versetzt, als neben einer Höhle eine frühpaläolithische Stätte, „Karama" genannt, entdeckt wurde, die die Menschheitsgeschichte im Altai wiederum um eine halbe Million Jahre „verlängert" hat. Die Ausgrabungen sind noch lange nicht abgeschlossen und versprechen immer neue Sensationsfunde.
Neben der wissenschaftlichen Bedeutung tragen die Denissow-Höhlen dazu bei, dass sich der Tourismus in dieser Gegend entwickeln konnte. Viele sind es gewohnt, archäologische Funde als Ausstellungsstücke in Museen vorzufinden. Nur wenige hingegen kennen das Erlebnis, historische Ausgrabungsstätten vor ort zu besuchen, und die plötzliche Erkenntnis zu haben: Nicht „irgendwo", sondern genau hier auf diesem Quadratmeter saßen vor Hunderttausenden von Jahren Urzeitmenschen und schlugen geschickt Werkzeug aus Steinen.
Man stelle sich vor: Die gesamte Menschheitsgeschichte wird auf dem Schnitt dieser archäologischen Ausgrabungsstätte präsentiert und alle zuletzt gefundenen Kostbarkeiten aus längst vergangenen Zeiten werden den Besuchern direkt vor Augen geführt.
Exklusive archäologische Führungen in die Denissow-Höhlen sind nicht nur ein touristisches Highlight, auf diese Weise kann man auch viel über die menschliche Evolution erfahren. Der Begriff „Erforschungstourismus" hat sich in unserer Alltagssprache zwar noch nicht eingebürgert und ruft mitunter Verwunderung hervor. Dennoch stellt sich die Frage: Warum soll ein Tourist in seiner Neugier doch immer untätig bleiben müssen oder immer nur auf der Jagd nach dem Adrenalin-Kick sein? Schon der berühmte Forscher Saloschnikow schrieb: „Im Altai nur Tourist zu sein, bedeutet für den Touristen viel zu viel, aber viel zu wenig für den Altai." Urlaub, in dem man aktiv wissenschaftliche Forschung betreibt: das ist die Zukunft! Integriert man das archäologische Erbe im Altai in das Tourismusprogramm, so wird damit gleichzeitig der Schutz und die Popularisierung dieser einzigartigen Ausgrabungsstätten gewährleistet.
Die Landschaft um die Denissow-Höhlen herum - oder „Aju-Tasch", wie sie die Ureinwohner des Altaigebirges nennen, was soviel wie „Bärenhöhle" bedeutet, hat sich in den letzten tausend Jahren kaum verändert; nur innerhalb der letzten Jahre veränderte sich die Umgebung ein wenig: Am Ufer des dort gelegenen malerischen Flusses wurden kleine gemütliche Holzhäuser gebaut, die wissenschaftlich-touristische Anlage „Denissow-Höhlen", die für Touristen frei zugänglich und gleichzeitig weltberühmter Ort der Wissenschaft ist, in dem internationale Tagungen stattfinden.
Die Straße im Anuja-Tal ist zwar etwas holprig, aber dennoch befahrbar. Zu den Denissow-Höhlen gelangt man über eine Treppe und bei den Ausgrabungsstellen gibt es großzügig angelegte Aussichtspunkte. Außer den höchst interessanten archäologischen Führungen, die bei den Entdeckungstouren angeboten werden, kann man auch Wanderungen außerhalb der Höhlen unternehmen oder an einer richtigen Höhlenexpedition teilnehmen. Ein absolutes Muss ist eine Wanderung zu den Wasserfällen des Schinok-Flusses oder zu den „Museums-Höhlen" sowie zu den Bergseen des Baschelaksker Bergrückens.
Die Besucher des Altais nehmen nicht nur wunderbare Eindrücke und Fotos von ihrem Urlaub mit nachhause, sondern können dort auch ihre Kenntnisse über die Menschheitsgeschichte erweitern.
Eine wahrheitsgemäße Darstellung historischer Fakten bleibt oft das Privilegium ausgewählter Experten; im Altai hingegen kann jeder zu solchen Erkenntnissen gelangen, der Zeit, Kraft und das Interesse dafür aufbringt, eine Reise zu den Denissow-Höhlen zu unternehmen, einem einzigartigen archäologischen Denkmal.







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