Bildungswesen im unabhängigen Kasachstan
Praktisches Anwendungsmodell an der Fachhochschule Astana |
Mit Erlangung der Unabhängigkeit wurde mit der Ausarbeitung und Umsetzung eines nationalen Bildungsmodells begonnen. Es bedurfte der Analyse des bisherigen Modells und der Suche nach neuen Leitlinien und Paradigmen. Im Ergebnis wurden die Schlüsselelemente für die Entwicklung der Ausbildung festgelegt.
Der Reformprozess im Bildungswesen lässt sich in folgende Etappen gliedern: 1991 bis 1993: Erarbeitung der gesetzlichen Basis für das Bildungswesen. 1993 bis 1996: Konzeptionelle und programmatische Modernisierung des Bildungswesens.
1996 bis 1998: Dezentralisierung der Leitungstätigkeit und der Finanzierung des Bildungswesens. Ab 1999: Strategische Orientierung des Bildungswesens auf die Ausarbeitung eines nationalen Bildungsmodells und Festlegung der Integrationswege in den internationalen Bildungsraum. Am 7. Juni 1999 wurde eine Neufassung des Gesetzes „Über das Bildungswesen" angenommen. Um dieses zu verwirklichen, wurden vier Präsidialerlasse, darunter der über das staatliche Bildungsprogramm, bestätigt.
Analysiert man die Situation im Bildungswesen, so ergibt sich für die erste Hälfte der 90er Jahre folgendes Bild: Die Wandlungen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung führten bei der Mehrheit der Bevölkerung zum Verlust von Idealen und moralischen Orientierungspunkten. Bildung und Gebildete verloren an Prestige, die wissenschaftliche Kompetenz sank. Bildung war kein ununterbrochener Prozess mehr. Die Probleme bei der Finanzierung des Bildungswesens, die katastrophale Senkung der Gehälter des Lehrpersonals, die Optimierungspolitik - all dies führte zu einer tiefen Krise im System der Vorschulerziehung sowie zur Schließung eines Großteils der Vorschuleinrichtungen.
In eine kritische Situation gerieten die Mittelschulen, insbesondere in den ländlichen Gebieten. Viele kleinere Schulen wurden geschlossen. Die Abwanderung der Lehrkräfte in den Geschäfts- und Unternehmensbereich hatte zwangsläufig negative Auswirkungen auf das Niveau und die Qualität der allgemeinen Schulbildung. Die Folgen waren ein geistiges Vakuum sowie die Verwässerung moralischer Kriterien und Werte. Alkoholismus und Drogensucht unter Teenagern und Jugendlichen wurden zum Problem, die Kriminalität stieg an - Entwicklungen, die für die kasachstanische Gesellschaft früher keinesfalls charakteristisch waren. Unter den Bedingungen der Restfinanzierung war das System der beruflichen Bildung deformiert. Die elementaren Berufsschulen sollten abgeschafft werden, mangelnde Investitionen wirkten sich auch auf die mittlere Berufsausbildung aus. Die Ausbildung qualifizierter Arbeiter und Fachleute im mittleren Bildungssegment fand praktisch nicht mehr statt.
Auch im System der Hochschulbildung zeigten sich negative Tendenzen. Das Lehrpersonal wanderte ab, die materiellen und finanziellen Ressourcen, die der Staat für die Entwicklung der Hochschulen zur Verfügung stellte, schienen sich zu verflüchtigen. Das Land gab das kostenlose Bildungssystem aus der Sowjetzeit auf. In den Hochschulen wurden exorbitante Preise für ein gebührenpflichtiges Hochschulstudium festgelegt. Jedoch fehlte es an intellektuellem und materiell-technischem Potential, das den modernen Anforderungen entsprach. Niveau und Qualität der Ausbildung von Fachkräften in zahlreichen Hochschulen in Kasachstan und ihren Filialen sanken. Der übersättigte Arbeitsmarkt wurde mit nicht benötigten Hochschulabsolventen überschwemmt. Ein Wert belegt die negative Entwicklung im Bildungswesen.
Der Anteil der Kinder und Jugendlichen im Alter von sechs bis 24 Jahren, die in den Bildungsprozess eingebunden sind, ist seit 1994 in praktischen allen Gebieten der Republik um 1,4 Prozent gesunken. Das Gebiet Almaty wies im Jahre 1998 die niedrigste Kennziffer im ganzen Land auf. Von einst 803 Vorschuleinrichtungen waren nur 57 geblieben, das bedeutet einen Rückgang um 93 Prozent. Die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation seit Ende der 90er Jahre hatte im großen und ganzen positive Auswirkungen auf das Bildungssystem. Man begann, neue Schulen zu bauen. Für die Verbesserung der materiell-technischen Ausstattung der Bildungseinrichtungen wurden Gelder bereitgestellt. Eröffnet wurden zahlreiche private Bildungseinrichtungen. Doch konnte man damit die Fehlentwicklungen nicht vollständig korrigieren. Auf allen Bildungsebenen nicht überwunden ist das niedrige Niveau der Bildungsqualität, und das Angebot an naturwissenschaftlichen Fächern in den allgemeinbildenden Mittelschulen ist weiterhin unbefriedigend. Zu beobachten ist ein deutliches Zurückbleiben des Bildungssystems hinter den Anforderungen der Marktwirtschaft und der offenen Zivilgesellschaft. Es zeichnet sich die Tendenz ab, dass sich das Bildungssystem immer stärker auf die Bedürfnisse einer engen Fachrichtung orientiert, und an die Stelle der traditionellen, vor allem geistigen Werte materielle Werte treten, die aber nicht durch entsprechende Kenntnisse und Kompetenzen untermauert werden.
Die im Bildungsbereich entstandene Situation verlangte von der politischen Führung Maßnahmen zu grundlegenden organisatorischen und strukturellen Umwandlungen, zur Schaffung eines elitefördernden Bildungssystems neben der Massenausbildung, zur Erneuerung der Bildungsinhalte sowie zur Qualitätsverbesserung in der Ausbildung hochqualifizierter Fachkräfte entsprechend den modernen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen sowie der Erfahrungen der hochentwickelten Länder. In diesem Kontext wachsen die Rolle und die Bedeutung von Bildung und Wissenschaft beziehungsweise der menschlichen Ressourcen als Kriterien des Niveaus der gesellschaftlichen Entwicklung, der wirtschaftlichen Stärke und der nationalen Sicherheit eines Landes. Die Wandlungen in der Gesellschaft verlangen von der Bildung Beweglichkeit, um adäquate Antworten auf die Realitäten der neuen historischen Etappe zu geben und den Anforderungen der Wirtschaftsentwicklung zu entsprechen. Unter den Bedingungen einer sich schnell verändernden Welt und dem wachsenden Informationsfluss sind grundlegende Fachkenntnisse unentbehrlich, doch stellen sie kein ausreichendes Bildungsziel dar. Die Lernenden dürfen nicht nur über eine Summe von Kenntnissen und Fertigkeiten verfügen, auf deren Vermittlung das kasachstanische kenntniszentrierte Ausbildungssystem ausgerichtet ist.
Viel komplizierter ist es, die Lernenden zu befähigen, selbständig Wissen und Kenntnisse anzusammeln sowie Informationen zu analysieren, zu strukturieren und effektiv für eine maximale Selbstrealisierung und zur nützlichen Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu nutzen. Zu den wichtigsten Zielen des Bildungssystems gehören gegenwärtig: die Formierung einer allgemeinen wissenschaftlichen und kulturellen Vorbereitung der Lernenden, die soziale Eingliederung der Schüler in das Leben der Gesellschaft, die Erziehung zu Bürgerbewusstsein und Heimatliebe, die Befriedigung des gesellschaftlichen Bedarfs an qualifizierten Arbeitern und Fachkräften sowie die Umschulung und Weiterbildung von Werktätigen und Fachkräften.
In Artikel 30 der Verfassung der Republik Kasachstan steht: „Den Bürgern wird eine kostenlose Mittelschulbildung in den staatlichen Bildungseinrichtungen garantiert. Die Mittelschulbildung ist obligatorisch. Der Bürger hat das Recht auf eine gebührenfreie Hochschulbildung in den staatlichen Hochschulen auf Wettbewerbsgrundlage. Die gebührenpflichtige Bildung in privaten Bildungseinrichtungen wird auf Grundlage und in der Ordnung verwirklicht, die der Gesetzgeber festlegt. Der Staat legt die allgemeinen Bildungsstandards fest. Die Tätigkeit einer beliebigen Bildungseinrichtung muss diesen Standards entsprechen." Im Gesetz „Über die Bildung" sind folgende Bildungsstufen festgesetzt: Vorschulerziehung und Vorschulbildung, Mittelschulbildung, Hochschulbildung, professionelle Ausbildung nach dem Hochschulabschluss. Im Schuljahr 2001/2002 gab es in Kasachstan 954 staatliche Vorschuleinrichtungen, 8160 staatliche allgemeinbildende Schulen, 47 staatliche Abendschulen (mit Schichtarbeit), 306 berufsbildende Schulen, 285 Colleges und etwa 176 Hochschulen.

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