Reiseziele in Kasachstan: Die Ulytau-Berge
Kasachischer Hirte in den Bergen |
Der Atem der Jahrhunderte. Zeit, die stillsteht. Das sind die Ulytau-Berge, das historische Zentrum des kasachischen Volkes und das Epizentrum nomadischer Kultur der Steppenzivilisation. Die „Großen Berge", so nannte man sie im Volk wegen ihrer historischen und politischen Bedeutung für die nationale Geschichte. Das Ulytaugebirge ist das Zentrum nomadischer Kultur und der Steppenzivilisation. Hier sind zahlreiche Aufenthaltsorte von Urzeitmenschen und ihre Arbeitsgeräte gefunden worden.
Die Größe dieser alten Berge liegt auch in der Bedeutung der Ereignisse für die nationale Geschichte Kasachstans. Die Ulytau-Berge waren ein von den Khanen der Nomadenvölker gern besuchter Ort. Hier befand sich das Lager des Schoschi Khan, des ältesten Sohnes des großen Dschingis Khan. Von hier aus begann Khan Baty seinen Eroberungsfeldzug in Richtung Osten.
Diese Orte sind auch dafür bekannt, dass hier berühmte historische oder religiöse Persönlichkeiten begraben sind, die zwischen dem 10. und 18. Jahrhundert gelebt haben. Die Denkmäler des Ulytaugebirges stehen in vieler Hinsicht bedeutungsmäßig den bereits aufgezählten nicht nach. Ein Beispiel ist Alaschachan, der Herrscher der Alasch-Orda (Westliches Khanat des Turkreiches), der vermutlich im 7/8. Jahrhundert lebte. Das bis heute erhaltene Mausoleum wurde später durch kasachische Khane erbaut (13. Jh.), um das Hauptquartier hervorzuheben und den alten Ruhm der Alasch-Orda wiederzubeleben.
Das gleiche Ziel verfolgte man auch mit der Errichtung des Grabmals des ältesten Sohnes des Dschingis Khan, Schoschi Khan. Hier sind der Khan der Goldenen Horde Tochtamysch und der große Feldherr der Horde Emir Edyge begraben, deren Namen in die mündliche Erzähltradition des Altaj, des Urals, der Krim, des Nordkaukasus und Usbekistans eingegangen sind. Auf einer Felsplatte des Ulytauer Berges Altynschoka hinterließ der große Tamerlan im Frühjahr des Jahres 1391 ein Zeugnis seines Aufenthaltes.
Jede Mythologie und jedes Volk hat seine sakralen Stätten. Bei den Turkvölkern Zentralasiens zeugt die Bezeichnung „Aulije":„heilig" von der Existenz eines sakralen Bereichs kultischen Brauchtums. In der Regel galten dafür seit dem tiefen Altertum eigene rituelle Gesetze. Einmal zum Ort der Verehrung geworden, waren diese Stätten über Jahrhunderte lang Ziel der Menschen, die hier ihre rituellen Bräuche vollzogen. Der Berg galt von alters her als heiliger Ort, Wohnstätte der Götter und Geister, als Ort des Wirkens sakraler Kräfte und der rituellen Handlungen, der geistigen Verbindung des Menschen mit der Natur. Es ist ein Ort, an dem sich diese Verbindung des Menschen mit der Natur bis heute erhalten hat. Um ihre Lebenskräfte zu erneuern, kehren die Menschen an die Wiege ihrer Ahnen zurück, zu ihren heiligen Stätten, einer unversiegbaren Quelle der Kraft, einem Ort der Teilhabe am Sakralen.
Gebirge in Kasachstan |
Im Ulytaugebirge waren die Residenzen der Khane gelegen und lagen die unter dem Schutz der Khane stehenden Territorien. Die Nomaden machten diesen Ort aus bestimmten Gründen, die ihnen das Unterbewusst-sein eingab, zu einem sakralen Bereich. Der Archäologe В. E. Kumekow hat nach der Beschäftigung mit arabischen Quellen festgestellt, dass die Kimeken und Kiptschaken, die die Ulytau-Berge besiedelten, sesshaft waren und Handel und Handwerk betrieben. Nach Maksud Kukistan befanden sich in den Bergen das Hauptquartier des Abulchairchan und Orda-Basar, dass „die Hauptstadt des mittelalterlichen Staates Deschti-Kiptschak und die Zierde der Sultane aller Sultane" war. Den Beschreibungen der Reiseroute durch die Steppen des Ulytaugebirges des arabischen Gelehrten Al-Idrisi zufolge, hatten „die Kimeken sechzehn Städte". Ein anderer Reisender des Mittelalters, Gardisii, spricht von einer heiligen Stätte im Ulytaugebirge mit Felszeichnungen und einem unversiegbaren Brunnen mit heilkräftigem Wasser. Die einheimischen Turkvölker verehren diesen Ort. Im Jahr 1993 entdeckte der Archäologe Sch. E. Smailow in der Umgebung der Ulytau-Berge neun mittelalterliche befestigte und unbefestigte Siedlungen.
Die Denkmäler des Ulytau-Gebirges gehen zurück bis in die Alt- und Jungsteinzeit. Die Archäologen entdeckten viele Aufenthaltsorte von Urzeitmenschen und ihre Arbeitsgeräte. Am Ufer des Flusses Karakengir wurde die größte bronzezeitliche Werkstatt auf dem Gebiet von Kasachstan gefunden, sowie Siedlungen, Nekropolen und reich ausgestatte Gräber dieser alten Kulturen.
Bis heute ist das Geheimnis der „Kurgane mit Schnurrbart" ungelöst. Manche Archäologen sind der Ansicht, dass es sich um Grabbauten handele, andere halten sie für alte Observatorien, wiederum andere kommen zu dem Schluss, es seien Gebäude ritueller Natur gewesen. Die archäologischen Grabungen konnten belegen, dass die hier vor dreitausend Jahren ansässigen Stämme Bergbau betrieben und Metall herstellten und Kupfer, Zinn, Silber und Gold in den Iran, nach Indien und nach Griechenland exportierten.
Ulytau wird auch das „Land der Berge, Seen und Quellen" genannt. Die heilenden Qualitäten des Bergquellwassers im Ulytaugebirge waren weit über die Grenzen dieser Region hinaus bekannt. Russische und europäische Botschafter, die auf dem Weg in das Hauptquartier Karakorum der Tataren und Mongolen waren, machten hier unbedingt Station, um ihrer Gesundheit mit dem Quellwasser des Ulytau etwas Gutes zu tun.
Durch das Ulytaugebirge führte aus Mittelasien nach Sibirien eine der wichtigsten Abzweigungen der Großen Seidenstrasse in der Sary Arka-Steppe, die sogenannte Sarystrasse oder Kupferstrasse. Die Wissenschaft geht davon aus, dass diese Handelsstrasse lange vor der Großen Seidenstrasse entstand und bis in die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts existiert hat. Im Ulytaugebirge warten alte Geheimnisse und unberührte Natur darauf, entdeckt zu werden.
Eine wichtige Rolle für die Entwicklung des Kasachischen Khanats und die Entstehung und Konsolidierung des kasachischen Volkes spielten die Saryarka-Steppe und das Ulytaugebirge. Die majestätischen Hügelgräber, Nekropolen, Mausoleen der Begasy-Dandybaj-Kultur, die Felszeichnungen, Petroglyphen, Bergwerke, Hüttenwerke und andere alte Denkmäler, die hier gefunden und erforscht wurden, zeugen davon, dass das Ulytaugebirge seit dem Altertum das Zentrum der Saryarka und der gesamten Steppe war. Deshalb wurde am 29. November 1990 durch Erlass des Ministerrates der Kasachischen SSR das Nationale Museumsreservat für Natur und Kulturgeschichte „Ulytau" mit einer Fläche von achtzehn Millionen Hektar eingerichtet. Dank dem am 13.6.2008 beschlossenen Projekt „Kulturerbe" sind die Ulytau-Berge in die Reihe der Nationalsymbole, die goldene Schatzkammer des Staates, aufgenommen worden.
In der Hauptstadt Kasachstans, Astana, wurde jüngst der Palast des Friedens und der Eintracht in Form einer Pyramide erbaut. Von den vielen eingereichten Entwürfen der Architekten aus aller Welt, wählte das Staatsoberhaupt eben diese Form. „Wir errichten keine Pyramide, sagte er, „wir errichten einen Berg, denn eine Pyramide ist das von Menschenhand geschaffene Modell des Großen Bergs, des Urvaters Ulytau". Der Berg ist ein Bild für Heimat. Die Kasachen kennen viel andere heilige Berge, doch sie sind alle die Verkörperung des einen einzigen Berges Ulytau: Uly Ana.

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