Reiseziele in Kasachstan: Halbinsel Mangyschlak
Dem zufälligen Vorbeireisenden mag Mangistau auf den ersten Blick farblos und verdorrt, sonnenverbrannt und windgegerbt erscheinen. Für die Menschen, die mit dieser Erde verwachsen sind, ist es ein gesegnetes Land. Jeder Stein birgt in sich die Geschichte der Völker, die einst Mangistau besiedelten. Die Gegend ist nicht grau. Man muss genau hinsehen: grüne Oasen, Mohnfelder, Petunien und Wermut, das Kraut der Legenden.
Es ist das Land der Superlative. Die tiefstgelegene Tiefebene aller GUS-Länder befindet sich hier: Karagie. In ihren unendlichen Tälern herrscht eine Atmosphäre des Geheimnisvollen und des Zaubers. Ein Drittel der Denkmäler Kasachstans findet sich auf der Halbinsel Mangyschlak. Muschelkalk in großer Menge ist über das Territorium von Mangistau verstreut. Für die einen ist es nur ein Pflasterstein, für die begabte Hand eines Meisters jedoch, ein unschätzbarer Wert. In den Händen eines Bildhauers verwandelt sich der Stein in kulturelle Heiligtümer und Kunstwerke. Unterirdische Moscheen, die in die Felsenhänge gehauen wurden, gehören zu den Sehenswürdigkeiten der Gegend. Und die Berge Karatau! Sie sind nicht besonders hoch. Doch, mit dem Blut der einst hier lebenden Stämme getränkt und von Legenden aus längst vergangener Zeit umweht, locken sie den Besucher und ziehen ihn magisch an. Wer einmal hier gewesen ist, wird immer von dem brennenden Wunsch erfüllt bleiben, immer wieder aufs Neue hierhin zurück zu kehren.
Auf der gesamten Strecke der großen Seidenstrasse, die einst durch Mangyschlak führte, haben Meister ihrer Zeit Brunnen angelegt. Es scheint, dass es hier übergenug Salz gibt. Woher dann die Süßwasserquellen in der Wüste? Das Erdinnere birgt lebensspendende Quellen, an denen sich die Auserwählten, die danach lechzen, dieses Land kennen zu lernen, laben dürfen.
Seit jeher ist es üblich Mangistau das Land der 360 Heiligen zu nennen. Warum? Der Grund liegt darin, dass 360 Schüler (Mjurid) des Hodscha Achmed Jassawi, nämlich Schopan-Ata, Koschkar-Ata, Masat-Ata, Sultan-Epe, Kenty-Baba u.a., nach Mangyschlak ausgesandt wurden, um die philosophische Lehre des Jassawi zu verbreiten. Schnell breitete sich der Sufismus in Mangistau aus. Die Gesandten des Jassawi rühmten während ihres ganzen Lebens in Mangistau ihren Lehrer und verbreiteten die Kanone des Sufismus. Sie wurde schließlich mit allen Ehren in der Erde Mangistaus begraben. Die Einheimischen verehren sie bis heute.
Als Pantheon der Stammesführer, der Batyre, schlechthin gilt die Nekropole des Sisem-Ata. Viele herausragende Vertreter der Geschlechter und Stämme der kasachischen Erde fanden ihre letzte Ruhestätte in der Erde des Ustjurt-Plateaus. Majestätische Kuppelmausoleen stehen neben bescheidenen, zuweilen einfach mit unbehauenen Steinen in die Erde getriebenen, Grabstätten. Die Nekropole soll unter den Schutz der UNESCO gestellt werden. Derzeit finden Restaurierungsarbeiten statt. „Möge Dein Weg nach Sisem-Ata lang sein", so sagen zuweilen die Aksakale, die Ältesten, wenn sie ein langes Leben und Gesundheit wünschen. Zur Nekropole Sisem-Ata kommt man auch, um an den Gräbern der Ahnen zu beten.
Wenn ein Fluss versiegt, kann man seine Wellen nicht mehr zählen. So kann man auch nach langer Zeit manche historische Ereignisse von den Legenden nicht mehr unterscheiden. Die Aksakale sagen, wenn ein Ereignis ein lichtes ist, sollte man es zur Geschichte zählen, wenn es aber ein dunkles ist, sollte man es besser den Legenden zurechnen. Andere Älteste behaupten, dass sich schwarze Legenden nicht im Volksgedächtnis halten. Legenden seien schließlich dazu da, das Gedächtnis mit der Weisheit der Vorfahren anzureichern. Manche dieser Legenden, und vielleicht auch wahren Geschichten über Mangistau, wurden immer wieder erzählt und sind bis heute überliefert.

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