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Kasachstan: Goldene Mann Jesik

Der Goldene Mann aus dem Kurgan Jesik

Der Goldene Mann in Kasachstan

Im Jahr 1969 begannen kasachische Archäologen unter der Leitung К. A. Akischews mit den Ausgrabungen eines gewaltigen Hügelgrabes, das 50 Kilometer östlich von Almaty lag. Die Archäologen gaben dem Kurgan den Namen Jesik, da er in den Völksüberlieferungen keine Erwähnung gefunden hatte. Dies war auch nicht erstaunlich, denn neben dem Jesik-erhoben sich noch andere Hügelgräber, die zusammen einen grandiosen Gesamtkomplex bildeten: 45 Erdpyramiden erstreckten sich über eine Länge von drei Kilometer.

In dieser Nachbarschaft zeichnete sich der Jesik nicht besonders aus. Er war nur sechseinhalb Meter hoch. „Nur", denn daneben standen Riesen von bis zu fünfzehn Meter Höhe. Wie auch im Falle anderer Hügelgräber, waren auch hier schon im Altertum Grabräuber am Werk gewesen. Doch zum Glück für die Wissenschaft übersahen sie eine Bestattung, die seitlich gelegen war, also nicht die Hauptbestattung darstellte. Darin lagen die Überreste eines Mannes, der als der „Goldene Mann vom Issyk" in die Weltwissenschaft eingegangen ist.

Die Grabkammer des Grabhügels besteht aus einer Vertiefung, in die eine gezimmerte Holzbalkenkonstruktion aus Tien-Shan-Eiche eingebaut ist. In den südlichen und westlichen Bereichen der Kammer wurde Geschirr gefunden. In der nördlichen Hälfte lagen die Überreste des Verstorbenen unmittelbar auf den Fußbodenbohlen der Kammer.

Die Anthropologen konnten feststellen, dass der im Kurgan beigesetzte Verstorbene zum Zeitpunkt seines Todes siebzehn bis achtzehn Jahre alt war. Er trug reich mit Gold besetzte Kleidung. Auf dem Kopf trug er eine hohe Kopfbedeckung (65-70 cm) konischer Form, die rundum mit Goldplatten verschiedenster Form und Größe besetzt war. Insgesamt fanden etwa 150 Zierelemente auf der Kopfbedeckung Platz. Der Krieger aus dem Kurgan Issyk trug einen goldenen spiralförmigen Halsschmuck, dessen Enden mit plastisch gestalteten Darstellungen von Tigerköpfen schließen.

Der Verstorbene trug kostbare Kleidung, er gehörte zur Oberschicht. Diese Kleidung trug der Krieger sonst zu festlichen Anlässen und Paraden. Auf dem Kopf trug er eine hohe pfeilförmige Mütze mit Boden und drei Klappen, die unter dem Kinn gebunden wurde und die mit goldenen Platten und Schilden verziert war. Im linken Ohrläppchen trug er einen granulierten goldenen Ohrring mit Anhängern aus Türkisen. Bekleidet war er mit einem kurzen Kaftan, der rundum mit goldenen Plättchen besetzt war. An den Fingern trug er zwei goldene Fingerringe.

Die Fülle der herausragenden Kunstobjekte im zoomorphen Stil der Saken aus dem Grabhügel Issyk ist heute Bestandteil der Schätze der Weltkultur. Semiretsche („Siebenstromland") ist ein für die Archäologie einzigartiger Ort, was die Konzentration von Königsgräbern angeht, die achtzehn bis zwanzig Meter Höhe erreichen. Derart monumentale „sakische Pyramiden" konnten natürlich nicht über den Gräbern eines jeden Mitglieds dieser Gesellschaft entstehen, sie waren das Privileg eines eng begrenzten Personenkreises. Die geringe Zahl der großen Kurgane im Vergleich zu den Abertausenden kleiner Grabstätten zeugt zweifellos von der Teilung der Gesellschaft in zwei Gruppen: eine privilegierte Minderheit und eine Mehrheit ohne Privilegien. Es sollte hier erwähnt werden, dass die Anfänge dieser sozialen Ungleichheit noch in der späten Bronzezeit liegen, weit in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends vor Christus.

Die deutliche Abstufung der Parameter der Hügel und der Arbeitsaufwand, den ihre Errichtung erforderte, sind Hinweis auf den Entwicklungsstand der sozialen Hierarchien in der sakischen Gesellschaft.

Die Funde im Kurgan Jesik haben wichtiges, ergänzendes Material für die Rekonstruktion des sozialen Gefüges der Gesellschaft der Saken in Semiretsche geliefert. Der Reichtum und die Pracht der goldenen Bekleidung des Kriegers im Kurgan Jesik hatten zweifellos nicht nur zum Ziel, äußerlichen Eindruck zu machen, sondern hatten vor allem sozialen Sinn. Das Hauptziel derartiger Kleidung bestand darin, den König zu verherrlichen und ihn in den Rang einer sonnengleichen Gottheit zu erheben.

In den religiösen Vorstellungen vieler Stämme war das Pferd ein Symbol der Sonne und des Sonnengottes. Auf dem Kopfschmuck des Kriegers aus dem Kurgan Jesik ist ein Pferd mit großen Bockshörnern abgebildet, was vermutlich Ergebnis einer Verschmelzung des Sonnengottes mit dem Stammestotem ist. Der Symbolsprache nach ähnliche Funde sind aus den Kurganen der Pasyryk-Kultur im Altaigebirge bekannt.

Zweifellos hatten die Pferdedarstellungen aus dem Kurgan Issyk eine doppelte semantische Bedeutung: Sonnensymbol und königliches Hoheitszeichen. Insgesamt stellte der König aus dem Kurgan Issyk mit diesem glänzenden Kopfschmuck und der blendenden Kleidung den realen Ahura-Mazda oder Mithras dar. Er verkörperte den irdischen und himmlischen Herrscher, den weltlichen König und obersten Hohepriester.

Der ideologische Gehalt des zoomorphen Stils in der Kunst war seinem Wesen nach die Grundlage der sakischen Staatlichkeit. Der Kunst selbst lag die Idee zugrunde, Staatsreligion zu sein.

Die Bedeutung der Funde im Kurgan Issyk wächst in Verbindung mit dem Fund eines Schriftdenkmals: eines Silberkelches mit einer Inschrift. Die Existenz eines Schrifttums ist für jedwede Gesellschaft Ausdruck einer hochentwickelten sozial-ökonomischen Organisation, der Genese eines Staates. Die Skythen haben keine Schriftdenkmäler hinterlassen. Auch unter Abertausenden von Funden in skythischen Kurganen konnte auch nicht die Spur eines Schrifttums entdeckt werden. Und so etablierte sich die Überzeugung, dass es in den skythischen Gesellschaften kein Schrifttum gegeben habe, da sie auf ihrem Entwicklungsniveau auch ohne ein solches auskamen. Nun haben die so lange von der Geschichtsforschung vernachlässigten Saken, die lange Zeit als Randerscheinung der skythischen Kultur galten, Anlass zur Hoffnung gegeben, dass auch diese Meinung nicht unumstößlich ist.

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